Archiv für September 2011

Kampagne in Böhl-Iggelheim

AOVP

In der Nacht zum 19.08.2011 verteilten Antifaschist_innen mehrere hundert Flugblätter in Böhl-Iggelheim, um auf diesem Wege die Bürger_innen über die rechten Tendenzen in der Gemeinde aufzuklären.

In Böhl-Iggelheim kam es in den letzen Jahren vermehrt zu Aktivitäten der vorderpfälzischen Neonaziszene. So diente das Dorf in der Vergangenheit mehrmals als Anlaufstelle für das geschichtsrevisionistische Gedenken der Nazis zum 8. Mai, aber auch etwa Lokalitäten wie der „Kuhstall“ dienen den Nazis immer wieder als Rückzugsort.

Auch zeichnete sich im letzten Landtagswahlergebnis der Gemeinde eine vergleichsweise große Akzeptanz dem rechten Gedankengut gegenüber ab, so wählten 1,6% der wahlberechtigten Bewohner Böhl-Iggelheims die REP oder NPD. Dieses Ergebnis ist im rheinland-pfälzischen Vergleich, ähnlich wie in anderen vorderpfälzischen Regionen verhältnismäßig hoch. Daher haben wir uns entschieden die Bürger über dieses Treiben zu informieren. Die großflächig angelegte Verteilaktion verlief störungsfrei. Zur gleichen Zeit wurde in drei weiteren vorderpfälzischen Städten in Form zahlreicher Transparente mit antifaschistischen Parolen, die an Brücken angebracht wurden, ein Zeichen gegen Rechts gesetzt.

Im Folgenden das Flugblatt der Antifaschistischen Offensive Vorderpfalz:

Sehr geehrte Bürger_innen von Böhl-Iggelheim,
wer in einem beschaulichen Dörfchen wie Böhl-Iggelheim lebt, vergisst vielleicht schnell, dass sich hinter der idyllischen Fassade mehr verbergen kann. Dabei konnten sich gerade in der vorderpfälzischen Provinz Nazistrukturen in den letzten Jahren ungestört verbreiten und etablieren.
Der Brandanschlag auf die Sinti und Roma-Siedlung in Haßloch im Jahr 2001, der von Böhl-Iggelheimer Nazis verübt wurde, liegt lange zurück und stellt vorläufig einen traurigen Höhepunkt der rechtsradikalen Aktivitäten in der Region dar. Doch auch wenn das Verdrängen eines solchen Gewaltausbruchs leichtfällt, sollte im Bewusstsein bleiben, dass die Problematik damit lange nicht aus der Welt geschafft ist. Die in letzter Zeit vermehrt auftretenden Naziaktivitäten in der Region sollten deutlich zeigen, dass ein Anschlag wie der vor 10 Jahren jederzeit wieder geschehen kann.
In den letzten Jahren tritt die örtliche Naziszene wieder vermehrt in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Das Wiederaufleben der für das öffentliche Auge sichtbaren Naziaktivitäten in Böhl-Iggelheim fand seinen Beginn in der Mahnwache am Gedenkstein für das ehemalige alliierte Kriegsgefangenlager zwischen Böhl und Iggelheim am 08.05.2009. Mit diesen als „Heldengedenken“ deklarierten Aufmärschen versuchen die Nazis um den Ludwigshafener NPD-Kader Christian Hehl seitdem, die deutsche Kriegsschuld zu relativieren und die Geschichte zu verfälschen. Die dort inhaftierten deutschen Aggressoren werden als Opfer und Helden stilisiert. Besonders brisant ist, dass hierbei das Datum der Befreiung Deutschlands vom Faschismus durch die Alliierten für die Propaganda der Rechten missbraucht wird.
Nachdem sich im Jahr 2010 das „Gedenken“ am 8.Mai wiederholte, fand zusätzlich am 18.11. eine Kundgebung am Gedenkstein im Rahmen der sogenannten „Rheinwiesenlageraktionstage“ der NPD statt. Bereits im Vorfeld wurde in der gesamten Region Propagandamaterial verteilt und verklebt.
Besonders besorgniserregend ist das im besten Fall als zurückhaltend zu bezeichnende Verhalten der Gemeinde, insbesondere des Bürgermeisters Christ. Höhepunkt dieser Totschweigetaktik stellt die lächerliche vorübergehende Entfernung des Gedenksteins im Vorfeld der Demonstrationen am 8. Mai 2010 dar. Auch der wiederkehrende Versuch, die Gegenproteste zu spalten in „friedliche“ Bürger_innen am Dorfplatz und als „Krawalltouristen“ abgestempelte Gegendemonstrant_innen direkt am Geschehen zeugt von der Unwissenheit und Überforderung der Gemeinde im Umgang mit Rechtsradikalen.
Das kollektive Wegschauen führt natürlich dazu, dass die Präsenz von Neonazis im Alltag zur schleichenden Normalität wird und sie sich weiter in das Ortsbild integrieren können. Angefangen bei rechtsoffenen Rockkonzerten wie den “Onkelz-Parties“ im „Kuhstall“ und rechten Parolen bei Saufgelagen von Personen aus dem Hooligan-Umfeld (in einschlägigen Kneipen wie dem „Tabala“) über das Verkleben von Nazipropaganda und Sprühereien (wie z.B. Hakenkreuze in der Bahnhofsunterführung) bis hin zu öffentlichen Werbekampagnen der NPD am 05.03.2011 auf dem Bahnhofsvorplatz, sieht das vermeintliche Bild des idyllischen Örtchens schon ganz anders aus.
Böhl-Iggelheim fügt sich ein in die Reihe der Dörfer in der Vorderpfalz, in denen rechtsradikales Gedankengut zunehmend salonfähig gemacht wird. Paradebeispiel ist auch das Nachbardorf Haßloch, in dem sich bereits eine starke neonazistische Organisationsstruktur gebildet hat, unter anderem durch die „JN Haßloch“ („Junge Nationaldemokraten“, Jugendorganisation der NPD).
Darum wollen wir mit der Wegschaumentalität endlich brechen. Dass Ignoranz die falsche Taktik ist, hat sich oft genug gezeigt. Wir rufen dazu auf, aufmerksam zu sein, sich Nazis im Dorfleben aktiv entgegenzustellen und sich zu wehren gegen die Vereinnahmung weiter Teile des öffentlichen Lebens durch Rechtsradikale.
Weitere Informationen und Kontaktdaten zur Kampagne „Antifaschistische Offensive Vorderpfalz“ finden Sie im Internet unter aovp.blogsport.de und auf den Internetseiten der beteiligten antifaschistischen Gruppen.

Antifaschistische Offensive Vorderpfalz

Nazistrukturen aufdecken und zerschlagen – Alerta Antifascista!